Heidelberg als internationale Wissenschaftsstadt

Ein interkulturelles Projekt am Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie der Universität Heidelberg

Weiterlesen: Der Heidelberger Studentenkuss in Taiwan

Heidelberg mit seiner mittelalterlich-romantischen Stadt und der ältesten Universität Deutschlands zieht jedes Jahr zahlreiche Touristen aus vielen Ländern an – auch aus Taiwan. Dass die Stadt dort bekannt geworden ist, hat mit einem Buch zu tun: Eine bekannte taiwanesische Schriftstellerin erzählt die romantische Geschichte des Studentenkusses als Teil ihrer persönlichen Geschichte.

Yi-Ching Su

Heidelberg sei die schönste Stadt in Deutschland, heißt es, und einer aktuellen Statistikzufolge ist sie derzeit das beliebteste Touristenziel in Deutschland1. Zahlreiche Touristen aus der ganzen Welt suchen hier die Romantik, die die Reiseführer zeigen: den Neckar, den Philosophenweg und das Schloss, von dem aus sich einemärchenhafte Landschaft überblicken lässt. Das Stadtleben prägen vor allem die Studenten. Während das aus historischer Zeit erhaltene Studentengefängnis, der so genannte Karzer, mit seinen kuriosen Zeichnungen und Graffiti die Kreativität und den Humor der Jugend in alten Zeiten offenbart, weist die Geschichte vom Studentenkuss auf Versuche hin, traditionelle Moralvorstellungen zu umgehen.

1863 wurde an der Ecke Untere Straße und Haspelgasse das Café Knösel gegründet. Es avancierte rasch zu einem beliebten Treffpunkt der Heidelberger Gesellschaft. Die jungen Damen der Heidelberger Pensionate besuchten regelmäßig das Café und mochten die Pralinen, die von Konditormeister Fridolin Knösel gebacken wurden. Die Studenten entdeckten, dass dort oft schöne Damen zu finden waren, immer in Begleitung ihrer wachsamen Gouvernanten. Wie konnten sie ihre Aufmerksamkeit gewinnen? Eines Tages kommt Fridolin Knösel die Idee, dass die Studenten mit seinem „Chocoladenkonfekt“ diskret ihre Zuneigung zeigen könnten. Und er gab ihm den Namen Studentenkuss. „Als Präsent überreicht, war es eine Geste der Verehrung – so fein und galant, daß selbst die gestrengen Gouvernanten nichts dagegen einwenden konnten. Fortan ließen sich süße Botschaften diskret übermitteln. Sehr zur Freude der Studenten und Mädchen, die mit dem Studentenkuß von der Erfüllung ihrer Wünsche träumen durften.“2

Vom Heidelberger Kus ließ sich auch die taiwanesische SchriftstellerinHwa-Jiuan Cheng zu ihrer gleichnamigen Erzählung inspirieren, für diesie den Mark-Twain-Preis für Reisejournalismus 2003 erhielt. Der bekannte US-amerikanische Schriftsteller hat1878 drei Monate in Heidelberg verbracht und sich in die Stadt verliebt, in seinem Buch „A Tramp Abroad“ stellt er seine Erlebnisse dar. Hieran anknüpfend wird der Preis seit 1987 vom damaligen Heidelberger Verkehrsverein (heute Heidelberger Kongress und Tourismus GmbH – HKT) vergeben, um die Arbeit von Journalisten zu honorieren, die dem nationalen und internationalen Städtetourismus wichtige Impulse geben.

Hwa-Jiuan Cheng ist eine bekannte Schriftstellerin und Sängerin aus Taiwan, die 1993 einen Deutschen aus Speyer geheiratet hat, wo sie inzwischen auch lebt. In ihren Werken stellt sie dem taiwanesischen Publikum deutsche Lebensart und Traditionen vor und berichtet in locker-humorvollem Stil von ihren Erfahrungen im Alltag. „Dank Chengs Beiträge in dem Buch können die taiwanischen Leser die romantische Seite der deutschen Kultur besser verstehen und sich vorstellen“, sagt Nils Kroesen, Geschäftsführer der Heidelberger Kongress und Tourismus GmbH (HKT).

Cheng erzählt die Geschichte des Studentenkusses, da ihr deutscher Mann ihr vor der Hochzeit eine Kostprobe davon geschickt hat. „Wie kann ein Kuss von Heidelberg nach Taiwan geschickt werden? Wenn man aus einem Schokoladenkonfekt ewige Liebe schöpft. Überleg mal – wegen einer romantischen Geschichte eine lange Reise zu unternehmnen, das ist ein sanfter, aber starker Impuls“, erläutert die Autorin3.

Der Studentenkuss, der noch heute nach dem Originalrezept hergestellt wird, erfreut sich großer Beliebtheit als Souvenir. Auf der roten Schachtel ist ein Scherenschnitt von einem studentischen Liebespaar abgebildet, der dem Produkt sein historisches Flair verleiht – in Deutschland war der Scherenschnitt besonders in der Goethezeit und im 19. Jahrhundert verbreitet, und in dieser Zeit entstand auch das Bild als „Logo“ für den Konfekt. Obwohl der Scherenschnitt ursprünglich eine der Volkskünste Chinas ist, lässt er sichauch der deutschen Kunst zurechnen. Der Export der Praline weckt Aufmerksamkeit – Schokolade wird in Asien als typisches Produkt verfeinerter europäischer Lebensart angesehen. Und erst die Kombination von Kunst und Schokolade erscheint recht exotisch.

Warum fasziniert der Studentenkuss die Taiwaner? Die süßen Botschaften übermitteln diskret die Liebe zu einem anderen Menschen. Der Studentenkuss entspricht dem romantischen und leidenschaftlichen Bild, das die Asiaten von den Europäern haben. Heidelberg ist in aller Welt als romantische und lebensfrohe Stadt bekannt, deswegen sind Tourismus und verschiedene Dienstleistungen die wichtigsten Wirtschaftszweige. Eine romantische Geschichte in einem Café im Herzen der Altstadt passt gut in dieses Bild und trägt zur Verbreitung des Images bei. Der Studentenkuss ist somit ein „süßes Wahrzeichen der Stadt“4 geworden. Wie kann man einen besseren Kuss in ganz Heidelberg bekommen?

Weitere Informationen rund um den Studentenkuss:

http://www.studentenkuss.com/

 

2 In einem Gespräch am 10. März 2003 anlässlich der Preisverleihung des Mark-Twain-Preises bei der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin.

3Reisenews Online vom 23. April 2012.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am September 8, 2012 von in Stadtmarketing.